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| English version | Plautdietsche Version | Von Dietrich Tissen und Nikolaj Tissen |
zuletzt bearbeitet 02.03.2005 |
Das Leben von Eva Janzen (geb. Siebert)Aber das ist meine Freude, daß ich mich zu Gott halte
und meine Zuversicht setze auf Gott, den Herrn. Ps. 73.28 Diese Erzählung habe ich, Elisabeth Harder (geb. Görzen), zur Erinnerung an dem Leben unserer Lieben Groß-, Urgroß-, Urur-großmutter Eva Janzen (geb. Benjamin Siebert) geschrieben. Weil ich, als angeheiratete Frau Großmutters Stiefenkels Abram Harder, die einzige wurde, die im Hause, wo Großmama 65 Jahre die Schritte ihres mühevollen Lebens gegangen ist, nach ihr dieselben Schritte in demselben Haus noch 44 Jahre, bis wir Haus und. Hof verließen und nach Deutschland auswanderten, gegangen bin. Die letzten 6 Jahre ihres Lebens habe ich mit ihr in einem Haus gewohnt, sie hat mir viel aus ihrem Leben erzählt. Großmutters treue Hände Ja, Großmutters Hände Großmutters treue Hände Ja, die Mutterhände Mutters treue Hände Mutters treue Hände Mutters treue Hände Gott weiß bei welcher Jahreswende Da mußte Großmama schon als kleines Kind bei allem, wo es zu helfen gab, tüchtig mitanpacken. Da die kleinen Geschwister Einer nach dem Anderen, ohne auf sich lange warten zu lassen, ans Licht der Welt kamen, wurde ihre Pflicht als Kindermädchen auch in vollem Maße verlangt. Sie wuchs aber als ein wissensempfängliches Kind auf und hatte noch bis ins hohe Alter ein scharfes Gedächtnis, so daß sie viele Momente aus ihrer Kindheit erzählen konnte. Sie erinnerte sich noch, daß ihre Eltern aus Ostpreußen nach Volinien gezogen sind. Sie wanderten mit Pferdefuhren mehrere Familien zugleich. In Krakow auf dem Markt hatte der Vater Talglichter gekauft, um die Wohnung zu beleuchten. Aber diese Kerzen wurden nur wenn Gäste zu Besuch kamen angezündet. Alle Arbeiten wurden abends nur beim Kaminfeuer gemacht. Die Männer waren mit Holzschnitzereien und anderen kleinen Vergnügungen beschäftigt, die Frauen - mit Spinnen, Nähen, Flicken, Stricken und anderem. Dabei wurde den Kindern biblische Geschichten erzählt oder es wurde gesungen, was sehr viel dazu beitrug, daß die Kinder von klein auf die Lieder auswendig singen lernten, ohne lesen und schreiben zu können. Dieses war dann so die erste Christliche Erziehung der Kinder, die zu Hause von den Eltern dargebracht wurde. Die Hausarbeit bekamen die Kinder dem Alter nach beigebracht. Faulenzen und Müßigkeit wurde nicht geduldet, besonders bei einem Mädchen. Diese mußten so früh wie möglich an Pünktlichkeit und Sauberkeit gewöhnt werden. Mädchen- und Frauenhände durften nie müßig im Schoß liegen. Es lautete ein Sprichwort in der Mundart: eine Frau mußte verstehen, zugleich zu spinnen und die Wiege zu wiegen, zu singen und zu erzählen, dabei noch zum Fenster rauszugucken, ob der Mann nicht schon zum Essen kommt. Dieses alles, noch viel mehr dazu, hat unsere Großmama geschafft und gewirkt ihr ganzes Leben lang. Die Schule hatte sie nur eine kurze Zeit vom Herbst bis Weihnachten besucht. Dann sagte der Vater: "So, Eftje, daut Aulpaubet tjanst dü nü, de Bibel kaunst dü die seifst lese lehre, daut retjt to fe een Mätje, meha Jelt kaun etj fe die nech veschwende."Es wurde Plattdeutsch gesprochen. In Hochdeutsch heißt es: "So, Evchen, das ABC kennst du jetzt, die Bibel kannst du selbst lesen, das reicht für ein Mädchen, mehr Geld kann ich für dich nicht ausgeben." Zudem brachte der Weihnachtsmann auch noch ein Büblein ins Haus, das auf Evchens Hände wartete. Zu dieser Zeit wohnte die Familie in der Molotschna Kolonie im Dorf Großweide. Als ihre jüngere Schwester Susanne-"Sauntje" erst die Pflichten des Kindermädchens zu Hause übernehmen konnte, wurde Großmama schon als Kindermädchen in fremden Familien aufgenommen; fürs tägliche Brot, wie es dann hieß. Wenn es mal bei wohlhabenden Bauern war, dann gab's auch noch mal zu Weihnachten einen Rock oder eine Bluse als Geschenk. An Schuhe auf die Füße war kein Gedanke, nur Holz-, oder wenn gut, Lederschlorren. Als sie aus dem Kindermädchenalter raus war, nahm sie ein wohlhabender Bauer - Friesen - der nur Söhne hatte, als Dienstmädchen im Haushalt. Da wurde alle Arbeit verlangt, die im Haus, Hof, Garten und Stall gab. Morgens um halb fünf aufstehen, fünf-sechs Kühe melken, den Hirten nicht verschlafen. Die Milch alle in den Keller tragen, die Milch von gestern absahnen, die entsahnte Milch den Kälbern und Schweinen eingießen, alles Geflügel füttern, das Frühstück rechtzeitig auf den Tisch haben, um das der Wirt und Knecht zur rechten Zeit die Arbeit beginnen konnten. Das nötige Wasser für den ganzen Haushalt mußte aus dem Fluß Molotschna (Milchfluß), der hinter dem Garten floß, mit Holzeimer auf Tragbalken ins Haus gebracht werden. Der Tragbalken wurde quer über die Schulter gelegt, an jedem Ende war eine Ritze gehackt," wo die Eimer (im Russischen - Badja) hingen, und so balancierte man beim Gehen, damit kein Tröpfchen Wasser vergoß. Diese Aufgabe war doch wohl die schwerste von all der unendlich mühevollen Arbeit gewesen, denn Großmama sagte, daß sie sich manchmal doch ganz erschöpft dort unten im Garten am Fluß ein wenig hingesetzt hat und erholt hat. Man mußte ja mehrere Mal hintereinander gehen, um all die Fässer voll zu machen. Dann all das Brot backen, kochen, spülen, waschen und aufräumen. Zum Glück war die Hausfrau eine liebevolle und ehrwürdige, wenn auch peinlich pünktliche und verlangende. Bei ihrem Auge war nichts Verborgenes und Heimliches vorbei gekommen. Aber sie hatte auch Großmamas Pünktlichkeit, Sauberkeit und ihre, volle Hingabe nicht unbemerkt dahingenommen. Wenn der Wirt manchmal nach Männerart noch mehr Arbeit von ihr verlangt hatte, dann nahm die Frau das Wort und sagte kurz und entschieden, daß über das Dienstmädchen sie 'zu verwalten habe, was und wieviel und wann es was zu schaffen hat; und wenn dir als Mann noch Helfer fehlen, dann spanne mal deine braven Söhne besser an und laß die mal zeigen, wozu sie nützlich sein können. Und damit war dann auch alles gesagt. Belohnt wurde solcher Dienst mit einem Rubel im Monat, dazu das Essen und Nachtquartier. Hatte aber das Dienstmädchen aus Versehen was Wertvolles zerschlagen, dann wurde es am Ende des Jahres nach dem Preis des Gegenstandes von der Belohnung enthalten. Gemietet wurden die Dienstarbeiter von Pokrov (der 1.Oktober nach dem alten Stil) auf ein Jahr. Aber der Wirt hatte die Macht wenn er mit dem Diener nicht zufrieden war, zu beliebiger Zeit ihn fortzutreiben. Der Diener im Gegenteil mußte das ganze Jahr bleiben, auf das er sich verdungen hatte. Wenn es aber gar nicht auszuhalten war, konnte der Diener sich beim Schultenbot beklagen, das wurde dem Dorfrat bekannt gemacht und die Klage wurde durchgesehen. Wenn der Wirt nicht erwiderte und den Diener freiließ, durfte der Betroffene sich eine andere Stelle suchen. Wenn aber der Wirt unzufrieden mit dem Diener war, der aber bleiben wollte und schon 3 Tage des Monats gearbeitet hatte, so mußte der Wirt dem Diener den ganzen Monat bezahlen, um ihn loszuwerden. Dann erzählte Großmama eine Begebenheit aus ihrer Jugend, worüber sie noch im Alter von 90 Jahren lachte. Wenn der Pokrov (ein russischer Kirchenfesttag) kam, dann fand auch der große Jahrmarkt statt. Auf diesen Tag freuten sich besonders alle Diener. Dann durfte ein Jeder eine Woche frei sein, um daheim die Eltern, die Familien zu besuchen. Zudem scharten sich von Nah und Fern alle zum Jahrmarkt zusammen, um zu kaufen und zu verkaufen. Alles war zu haben, was du dir nur ausdenken konntest. Ja, und besondere Freude war so ein Treffen für die Jugend. So mancher Bursche suchte da sein Glück zu versuchen und im Spiel der Jugend seinen "Schatz" zu finden. So war auch Großmama mit Schwester Sauntje -Susanne- enjehoakt oppem Moatjt hileit (Arm in Arm auf dem Markt spazierengegangen) als eine Gruppe Bengels aus einem fernen Dorf sich immer näher an sie drangemacht haben. So frech, wie sie waren, wollten sie die Mädchen trennen und
Diese Worte hatten denen doch rot gemacht, en so jenje de met dem jestretjtem Säjel doavon (und so gingen sie mit dem gestricktem Seil davon). So hatte Großmama dann 9 Jahre hintereinander auf derselben Stelle gedient. Zu der Zeit war so ein Brauch, ja sogar Gesetz: Wenn ein Diener 7 Jahre bei einem Wirt gedient hatte, mußte der Wirt dem Diener die Aussteuer zur Hochzeit geben. Einem Knecht ein Pferd, einen Kleiderschrank mit den nötigsten Kleidern oder den Wert in Geld. Dem Dienstmädchen (Magd) eine Kuh, eine Kleidertruhe, Ausstattung in Kleider und Federbetten. Als Großmama das siebte Jahr beinahe zu Ende gedient hatte, war der Wirt barstig geworden und ließ Großmama durch den jüngsten Sohn zu sich in die große Stube rufen, was nur in besonderen Fällen getan wurde, Großmama ahnte schon sein Vorhaben, aber hoffte doch auf die Vernunft der Wirtin im Stillen. Aber die Frau war schon zwei Tage im Bett geblieben. Das kam der Großmama alles verdächtig vor, dennoch hatte sie Mitleid mit der Wirtin. Als unsere Großmama eintrat, saß der Wirt vorne am Tisch. Mit ernster Stimme sprach er: Bis Pokrov ist noch ein halbes Jahr und er ist im Ganzen mit ihrem Dienst zufrieden, aber, da die Jungens jetzt erwachsen sind und der Muttatje (Dem Mutterchen) mehr helfen können, benötigen sie jetzt nicht ihren Dienst, Großmama könnte sich nach einer anderer Stelle umschauen. Großmama bedankte sich für die Anerkennung und für das Geld und sagte gleich, daß die noch heute das Haus verlassen wird. Da hatte der Wirt verwundert geschaut, doch dann zuckte er nur mit den Schultern und sagte nichts. Er hatte wahrscheinlich nicht mit solcher "frechen" Antwort und dem schnellen Gehen des Dienstmädchens gerechnet. Weil dieser Tag noch bezahlt war, hatte Großmama sich nichts ansehen laßen, alle Pflichten wie immer erfüllt. Abends, nachdem alle Arbeit erledigt war, hatte sie ihr Bündel mit Kleider gepackt. Aber ehe sie das Haus verließ, ging sie noch in die Eckstube, um von der Wirtin Abschied zu nehmen und sich bei ihr für Gütigkeit und Aufrichtigkeit, die sie in all diesen Jahren an Großmama erwiesen hatte. Darauf hatte sich die Wirtin aufgerafft, schluchzend Großmama um den Hals gefallen und bitterlich geweint. Als diese die Wirtin fragte, was sie ins Bett gebracht hatte und warum sie so arg weint, sagte die Frau:
Gott segne dich im weiteren Leben. So ging Großmama dann auch los - in die Dunkelheit des Abends, in die verhüllte Zukunft, zu ihren Eltern nach Hause. Ganz ruhig im Herzen, denn ihr Gewissen war frei von jeder Schuld. Sie gedachte, ein paar Tage auszuruhen und dann nach einer neuen Stelle umzuschauen. Sie wollte kein unverdientes Geld essen. Aber dazu kam es nicht. Gleich am nächsten Morgen wußte das ganze Dorf, daß bei Friesens das Vieh nicht von der pünktlichen Magd vom Hof zur Zeit getrieben wurde, sondern der jüngste Sohn mußte es die ganze Straße entlang zum Dorfende treiben, und das verblüffte Vieh wußte nicht, was passiert war. Es forderte viel Mühe, um mit den 6 Kühen vorwärts zu kommen. Zu Hause bei Friesens war das ganze Haus verwirrt, denn die Eftje fehlte auf Schritt und Tritt. Nicht nur der Wirt, sondern auch die Schweine, Ferkel, Kälber, Gänse, Hühner und Glucken mit den zahlreichen Küken, alles brummte, grunzte, schrie, gakerte. Besonders bekamen die erwachsenen Söhne das Fehlen der Magd zu spüren, denn sie mußten ihre Arbeit verrichten. Nur einer im ganzen Haus hatte im Inneren des Herzens ein Frohlocken, was er aber keinem verraten wollte. Das war der russische Knecht, der schon seit Jahren mit Evtje bei Friesens gedient hatte. Die Frau blieb im Bett, sah blaß und erschöpft aus, so das der Wirt schon dachte, daß er mit seinem Vorhaben zu schnell gewesen sei. Er hätte auch noch warten können mit seinem Entschluß bis seine Frau gesund wäre, dachte er weiter. Das aber gerade er die Ursache war, kam dem starrsinnigen Mann gar nicht in den Sinn. Aber bei Gott sind immer alle Wege zum Guten, so auch dieses Mal. Denn Evtje, die gedacht hatte, mal eine Möglichkeit zu haben, einen Morgen ein gemütliches Schlummerchen zu genießen, wurde von einem dringenden Klopfen an der Haustür aufgeweckt. Sie zog rasch ihre Kleider an, da klopfte es noch dringender. Die Tür öffnend, sah sie einen Nachbar von Friesens. Ganz verwirrt stand er da und schaute sie flehend an. Er bat sie, so schnell wie möglich mitzukommen. Seine Frau lag schon die ganze Nacht in Kindeswehen, er hatte seine Kinder früh Morgens zu seinen Eltern gebracht und auf dem Weg die neueste Nachricht erfahren, daß die Friesens seine Dienerin entlassen hat. Seine Mutter hatte ihm geraten, sie selber werde so schnell wie möglich zur Gebärenden eilen, er aber sollte zu Sieberts gehen und die Evtje mieten, ehe wer anderer vor ihm das machte. Denn solche Mägde, wie sie, waren weit und breit bekannt. So ging Evtje dann auch gleich mit langen Schritten hinter dem neuen Wirt, ohne zu fragen, für wie lange geschweige nach dem Preis. Sie stampften dann auch stolz beinahe das ganze Dorf entlang, bei Friesens vorbei, ohne auch nur einen Blick in Richtung des gewöhnten Hofes und dessen Treiben zu werfen. Die Gebärende schaute zu Evtje und ihrem Mann dankend empor, stieß einen herzzerreißenden Schrei aus - und das neue Büblein erblickte das Licht der Welt und das Leben. Es gab auch keine Fragen, was zu allererst anzufangen war, denn Frau und Kind forderten Hilfe und ein wackeres Auge. Als dann der Wirt mit der Hebamme kam, die da sah, wer der schaffende Helfer sei, sagte diese ganz erschöpft sich auf den Stuhl setzend: "Du hättest mir doch nur sagen sollen, daß du die Evtje schon dabei hast, dann hatten wir uns ja gar nicht so sputen gebraucht, das mir beinah das Herz zum Mund raus will." Nach kleinem Verschnaufen hatte sie dann alles nachgesehen, ob das Kind richtig abgenabelt sei und die Frau richtig versorgt war. Dann beim Frühstück im Hinterhaus mit der Mutter des Bauern ging's dann um die neueste Geschichte - Eftjes Freilassung bei Friesens, über den Grund dazu, daß Friesen Geiz Überhand genommen hat, der nicht mal die Niedergeschlagenheit seiner Frau vernahm. Na ja, sagte die Hebamme dann keck zum Schluß, so einfach als Friesen sich das alles vorstellt, wird es doch nicht sein. Da wird sich ja noch das ganze Dorf dahintermachen. Übermorgen ist Schultenbot angesagt, und bis dann werden schon alle im Dorf die Ursache genau wissen. Denn es handelt sich ja nur um Eftjes Aussteuer, wozu ihn seine Frau zwang und das mit Recht. Na, seine Bengels werden ihm ja bald das Holz am zeigen er wird sich ja bald hinfassen, wo er selber mit der eigenen Hand schlecht hinlangen kann. Aber es soll ihm zum Nutzen dienen, und die Eftje hat dein Sohn ihm vor der Nase weggeschnapt, ehe er zu Besinnung kommt. Jetzt möge er über den Zaun gucken, wie tapfer Evtje hier dreingreifen wird. Und da kannst du dir ganz sicher sein, die Betreuung, die deine Schwiegertochter bekommt, ist so gut, daß sie in vier Wochenerholt ist und dann ihre Kinder und die Wirtschaft selber versorgen wird. Wenn es für deinen Sohn sollte zu teuer kommen, eine Magd für länger zu mieten, will ich dir eins sagen: solche Evtje, die bringt mit ihrem Fleiß mehr in die Wirtschaft rein, als sie kostet. So war dann in den nächsten Tagen auch keine größere Neuigkeit im ganzen Dorfe, als das Schicksal von Evtje Siebert. Der angesagte Schultenbot fand auch am Freitag statt, wo alle Dorfbewohner ohne Ausnahme pünktlich erschienen waren. Wem es nur möglich war, der hatte sich schon vor dem Vieheintreffen auf den Weg gemacht, um womöglich noch was Genaueres zu erfahren, denn ein Jeder sprach zu dem Geschehen seine Meinung aus. Dem Hirten wurde morgens schon gesagt, die Herde eine Stunde früher ins Dorf zu bringen. Es mußten fast in jedem Hof 5-6 Kühe gemolken, die Milch mußte gleich aufgeräumt, das und vieles Mehr war nicht im Vorbeigehen getan. So war alles auf den Beinen, wer nur mitanpacken konnte. Auch Evtje Siebert war eingeladen, um die Wahrheit aus ihrem Munde zu hören. Da aber gewöhnlich "Weiber", geschweige denn Mägde bei solchen Veranstaltungen nicht dabei waren, blieb Evtje doch draußen am Zaun stehen, bis die Versammlung angefangen hatte. Die Fragen der Tagesordnung wurden vorgelesen. Zuerst erörterte man die Nebenfragen, solche wie der Wechsel der Weide, Klagen gegen den Hirten, Handschlägereien der Burschen mit denen aus Nachbardörfern, was öfters vorkam, wenn ein unanerkannter Freier sich eine Braut rausgelockt hatte und so weiter. Aber alle warteten gespannt auf die Hauptfrage der Zusammenkunft. Endlich war's dann soweit. Evtje wurde hereingerufen. Sie mußte nach vorne zum Tisch, wo eine große Zehnbrennerlampe am Boden hing, das auch alle genau sehen konnten, ob der Angesprochene die Gesichtsfarbe wechselte bei all den Fragen, die ihm gestellt wurden. Na, und dazu wurde auch Ohm Friesen nach Vorne zum Tisch gebeten, um sich zu verteidigen. Der Schultenbot hatte auch einen Schreiber, der alles genau aufs Papier brachte, wer und wie was gesagt und einzuwenden hatte. Zuerst wurde Evtje zur Rede gestellt, als Beleidigte alles darzulegen. Evtje faßte sich sehr kurz und entschieden, Ihrer Meinung nach sei sie allen bekannt. Sie habe sechs und ein halbes Jahr bei Friesens in Ehre und Treue gedient. Das können Friesens selbstbezeugen, wenn sie aufrichtig bei der Sache bleiben wollen. Und das sie, Eva Siebert, vor Gott und Menschen auch vor ihrem eigenen Gewissen im Rechten ist. Wenn es Ohm Friesen allein um ihre Aussteuer gehe, dann möge er sie behalten, sie verlange kein Kopeken unverdientes Geld oder Gaben. Sie sei, Gott sei Dank, gesund, um sich auch weiter ihr tägliches Brot zu verdienen. Und was die Aussteuer betrifft, das wird die Zeit lehren, wenn es erst soweit sei. Und hiermit war alles gesagt. Sie fragte nach Erlaubnis abzutreten. Das Neugeborene und dessen Mutter warteten auf ihre Betreuung. Diese Antwort verdoppelte den guten Eindruck, den die Menschen im Saal von ihr schon früher hatten. Eine tiefe Stille war im Raum, bis sie die Tür hinter sich zugemacht hatte, aber draußen in der Dunkelheit stand alles voll Menschen an den Fenstern, um alles genau mitzubekommen. Auch hier durchschritt sie mit eiligem Gang die Menge zum nahen Nachbarsteg, um nicht noch alle Menschen an dem Zaun zu begegnen, und schnell ins Bauernhaus...wo sie erleichtert ihre Pflicht erfüllte. Beim Schultenbot wurde es aber plötzlich laut, wie wenn plötzlicher Regen mit aller Kraft des Wassers ausströmt. Friesen saß vorne, den Kopf gesunken, sagte aber kein einziges Wort, obzwar die Fragen an ihn persönlich gerichtet von allen Seiten kamen, nur sein Gesicht wechselte die Farbe im Nu. Der Schultenbot schuf erst mal Ordnung. In der eingetretenen Ruhe warteten alle gespannt auf seine Antwort. Da stand Friesen auf. Der sonst so stolze Mann sagte mit bebender Stimme und Tränen in den Augen "Werte Anwesende, ich fühle mich voll und ganz schuldig in der Sache, die hier heute auf Tagesordnung steht. In meinem ganzen Leben, das euch allen bekannt ist, habe ich noch nie so Schuld beladen vor all euch, meine Dorfsleute, stehen müssen. Aber alle Züchtigungen sollen auch zum Guten dienen, sagt uns die Heilige Schrift, und Gott sei Dank, daß auch ich mich habe dadurch zu sehen bekommen, denn es ist alles wahr und ist wirklich die Frucht meines Geizes. Es steht nicht umsonst geschrieben - Geiz ist die Wurzel alles Übels - Ich bitte alle Anwesende um Vergebung und verspreche alle meine Schuld und viel mehr dazu an Eva Siebert auszuzahlen, und bin bereit sie auf Knien um Verzeihung zu bitten. Wenn sie uns vergeben kann, bitten wir sie wieder zu uns zu kommen, denn es kein besseres Heilmittel für sie gibt, als die Stimme und Schritt von Eftje wieder in unserem Hause zu hören." Hiermit schloß Friesen seine Rede und verließ schluchzend den Raum. Alle standen dabei auf, um Friesen zu zeigen, daß sie bereit sind nach solchem reuevollen Bekenntnis ihm zu vergeben und wieder in Frieden und Eintracht zu leben. Dann wurde auch gleich Schluß gemacht, gebetet für Gottes Wahrheit und Führung und Warnung vor Habsucht und Geiz. Am nächsten Tag kam Friesen dann auch gleich früh Morgens auf Nachbarschaft, um mit Evtje alles selber persönlich durchzusprechen und gutzumachen. Evtje war auch bereit zu vergeben, denn sie wußte ja, daß Gott den Demütigen Gnade erweist. Sie mußte aber gleich mit Friesen mitkommen, um seiner Frau die Vergebung selber wahrzugeben. Das gab ein herzliches Umarmen, beide weinten vor Freude. So mußte Eftje hier auch gleich versprechen, daß, wenn sie erst beim neuen Bauer nicht mehr nötig sein würde, sie gleich wieder zu Friesens kommt. Darauf freuten sich nicht nur Friesens selber, sondern auch der Knecht. Die Söhne wollten ja schon an der vielen Arbeit in der Wirtschaft verschmachten, für den Knecht war erfreulich zu sehen, daß die Wahrheit und Gerechtigkeit gesiegt hatten. Zweitens, wenn Eftje da sein würde, würde das schöne Essen rechtzeitig auf dem Tisch sein. Besonders schmackhaft war das lockere Weißbrot mit Butter. Das ganze Brot wurde zu jener Zeit einmal in der Woche gebacken. Freitag war Backtag. Hinterm Haus, an der Grenze, stand ein spezielles Backhaus mit einem großen breiten Ofen, der "Pietsch" genannt wurde. (Abgeleitet vom russischen Wort - Petschka - was in Übersetzung schlicht - Ofen - bedeutete.) Da konnte man gleichzeitig zwei lange breite Bleche reinschieben - eine mit Weißbrot, die andere mit Roggenbrot. Wenn es fertig war, wurde das frischgebackene Brot gleich auf den Dachboden getragen und das vor zwei Wochen gebackene Brot zum Essen runtergebracht. Nur "Strezel" und Zwieback wurden Samstags gebacken und frisch gegessen. So vergingen dann die nächsten Wochen, bis Eftje da ausgedient hatte. Die Frau, wieder gesund und erholt nach der Geburt, übernahm die Wirtschaft und Eftje kam dann wieder zu den Friesens, wo alles gut weiter ging, bis sie nach weiteren zweieinhalb Jahren Dienst einen Witwer, nämlich den Wilhelm Janzen, heiratete. Jetzt wurde sie auch völlig ausgestattet - eine Kuh, eine große Kiste voll Wäsche und Kleider gute Federbetten- alles was ein Mädchen als Braut haben mußte. Mit Würde und Segenswünsche durch Gottesbeistand wurde Eftje Siebert dann am 16.06.1885 in den Ehestand begleitet. Der Mann war aus Rudnerweide, wo er nur als Tagelöhner tätig war. Er hatte ein Söhnchen aus der ersten Ehe, Wilhelm genannt. Land hatte er keins zum bauern. Das ganze Land war bei der Ansiedlung unter den Bauern verteilt, die jungen anwachsenden Familien bekamen nur das Land, was ihre Eltern von ihrem Eigentum abteilen konnten. Waren aber in einer Familie mehrere Söhne, so mußten diese dann sich als Tagelöhner Arbeit suchen. Das war ein schweres Dasein, um vorwärts zu kommen. Die Familien wuchsen, brauchten Kleider, Essen, das bei allen kräftigen Bemühungen nur schwer zu erwerben war. Der Verdienst war nur kärglich. So ging es den meisten jungen Familien. Dann stand die Frage im Dorf und der ganzen Ansiedlung an der Molotschna, eine Bitte an den Kaiser zu senden, neues Land in Rußland für eine weitere Ansiedlung zuzuteilen. Mit dieser Bittschrift wurden dann vier Auserwählten nach Petersburg gesandt, um beim Kaiser persönlich vorzusprechen, dessen Antwort dann einen neuen Anfang ermöglichte. Diese Bitte wurde auch als rechtmäßig anerkannt, so daß die Männer mit einer beglaubigten Zusage heimkehrten. Es wurden mehrere Tausend Dessjatin Brachland im Orenburger Gebiet zugeteilt, die Ansiedlung wurde "Neusamara" genannt. Dieses Land gehörte den reichen Eigentümern, die in Samara und Petersburg lebten. Es waren endlose Steppen, die noch nie ein Pflug bearbeitet hatte, nur Nomaden (vorwiegend Baschkiren) zogen mit ihren Viehherden umher. Das Land war fruchtbar, der Humus war bis zu einem Meter dick. Die ersten Forscher wurden losgeschickt, um sich die Umgebung anzusehen, sich mit dem Klima, mit der Bevölkerung bekanntzumachen. Diese brachten die erfreuliche Nachricht, daß durch das Brachland mehrere Nebenflüsse der Samarka fließen, so daß auch Wasser für Mensch und Vieh vorhanden war. Gleich wurden Landvermesser aus ganz Molotschnasiedlung gewählt, die das ganze Land entlang des Flusses Tock in 16 Dörfer verteilten. Jedes Dorf bekam einen Namen, 40 Bauernwirtschaften zu 40 Dessjatin Land für jeden Bauer zugeteilt. So konnte jeder wählen, in welchem Dorf er ansiedeln wollte. Die ersten Dörfer wurden 1890 angesiedelt. Die sogenannten "Feuerstellen" für jede Familie wurden ausgelost, damit es keinen Streit gab, wo man wohnen wollte, ob in der Mitte oder am Rande des Dorfes. Der Familie Wilhelm Janzen, die in Podolsk ansiedelten, traf nach dem Los die dritte Feuerstelle von der Mittelstraße an der Nordseite des Dorfes, was als Sonnenseite bevorzugt war. Sie kamen aber erst im zweiten Frühling nach Neusamara. Sauntje (Eftjes Schwester) Reimer, dessen Los auf Krassikowo fiel, einem Nachbardorf zu Podolsk, siedelte schon im ersten Frühling um. Sie gruben Erdhütten zum wohnen aus und besäten ein wenig Land. Der Sommer war warm, der Regen fiel zur rechten Zeit, so daß die Ernte gut ausfiel, und es verbreitete sich schnell ein guter Ruf. Als aber der eiskalte Winter sich früh einstellte mit Schneestürmen, die bis zu einer Woche anhielten, dazu die hungrigen Wölfe so nahe herankamen und so heulten, daß Mensch und Vieh Bange wurde, dann gab's Tränen und Sehnen nach der warmen Ukraine, wo Muttatje geblieben war. Es gingen auch wehklagende Briefe ab in die Heimat, und nicht alle hielten es durch bis zum Sommer. Dann kamen schon Verwandte, um die Ihrigen heimzuholen und gleich eine eigene Meinung über die neue Siedlung zu bilden. Doch die Stärksten hielten Stand und blieben fest in dem Bewußtsein, daß aller Anfang schwer ist. So auch die Familie Reimer, die mit Reisenden schon einen Brief von Wilhelm Janzen bekamen, in dem sie lasen, daß diese Ende März gedachten zu kommen, denn sie wollten zur Aussaat auf der Stelle sein. Wenn es möglich wäre, wollten sie die erste Zeit bei Reimers in der Hütte wohnen. Sauntje freute sich sehr, dann wurde das Bangen nachgeben, wenn Eftje mit der Familie erst da sein würde. Mitte März waren dann schon eine Zahl Familien fertig, die lange Reise mit einem Bummelzug in die unbekannte Gegend anzutreten. Die Regierung hatte jedem Ansiedler eine gewisse Summe für 30 Jahre geliehen. Dieses Geld hatte jeder bei sich, um die ersten allernötigsten Geräte zum Ackerbau und Viehzucht anzuschaffen. So kamen dann die Aussiedler am 28. März nach einer mühsamen Wochenreise in Ssorotschinsk, einer Bahnstation 60 Kilometer von Podolsk, an. Dort suchten sie sich zuerst bei den Russen ein Nachtquartier, aßen endlich warm, geschlafen wurde auf dem Fußboden, was gemütlich genug war. Schlimm waren die Wanzen, Läuse und Schaben. Früh am Morgen, trotz allem gut ausgeruht, machten sich die Männer auf zum Markt. Dort kaufte sich ein Jeder ein Pferd, eine Arba - ein geräumiger Wagen -, eine Kuh, dazu auch ein Paar Hühner mit einem Hahn. Da mieteten sie auch gleich auf dem Markt alle zusammen einen russischen Mann als Wegweiser und Begleiter, der ihnen versprach, sie in zwei Tage nach Krassikowo zu bringen. Das Wetter war herrlich, der Schnee schmolz schon zusehend, so daß das Tauwasser schon auf den schmutzigen Straßen in Ssoroki zum Fluß Samarka strömte. Nach dem Mittagessen wurde alles Hab und Gut aufgeladen, festgebunden, aber noch übernachtet, um beim Nachtfrost in aller Frühe die Samarka zu überqueren. Das gelang auch ganz gut. Die Pferde wurden angetrieben, die Kühe trabten hinterher, angebunden am Wagen, die ganze Familie draufsitzend eingepackt. So fuhren alle Angekommene in die neue zukünftige Heimat munter vorwärts. Zum Abend waren sie im schönsten Sonnenschein im Dorf Tolkajewka angelangt, die Pferde und Kühe ganz müde bewegten sich langsam. Der Russe hatte auch gleich bei mehreren Häusern Nachtquartier mit heißem Tee gemietet. Die russischen Frauen hatten noch dazu die duftende heiße Sauerkrautbortsch aus der Pietsch geholt und aufgedeckt, die besonders die Männer, die beinahe den ganzen Weg zu Fuß zurückgelegt hatten, mit riesigem Appetit und Dankbarkeit verzehrten. In froher Hoffnung, daß dies die letzte Nacht ihres Unterwegsseins ist, schliefen sie nach dem Essen auch gleich alle ein. Aber, oh weh! Nachts vernahmen die Frauen, die ihre kleinen Kinder stillten, ein starkes Sausen und Pfeifen draußen um die Ecken. Was konnte bloß werden?? Der vorige Tag hatte sie mit hellem Sonnenschein den ganzen Weg begleitet... Früh morgens, als die Männer rauswollten, um die Pferde und Kühe zu füttern, da die weitere Reise antreten, war so ein Schneesturm, welchen sie überhaupt nie gehen hatten. Die Räder der Wagen standen bis an die Achsen im Schnee. Von einer Weiterreise und dann noch auf Wagen war kein Gedanke. Der Wirt kam auch aus der Tür, betrachtete den Schnee, den Himmel, die Ferne unter der Handfläche, die er an die Stirn setzte und meinte: "Da, sasselji nadolgo." /Tja, steckengeblieben für länger./ Und so kam es auch. Der Schnee tobte so drei Tage und Nächte, aber so plötzlich wie er anfing, so verstummte er auch zur dritten Nacht. Am nächsten Tag schien die Sonne gleich von Morgen so warm, daß der leichte Schnee bis zum Abend sozusagen weggeschmolzen war. Nachts regnete gaben ihnen den Rat, nach dem Versorgen der Pferde und Kühe ohne lange Erholung gleich weiterzufahren bis an Ort und Stelle. Denn die kleinen zur Zeit Bäche könnten bei weiterem Regen voll werden, das viele Wasser, was sie in die Flüsse brachten würde das Eis heben und diese gingen los. In diesem Fall mußten sie mit mindestens- zwei Wochen Aufenthalt rechnen, bis die Täler soweit getrocknet wären, um die Reise anzutreten. Sie befolgten diesen gutgemeinten Rat, obzwar Kinder, Frauen, Pferde, Kühe von all den Strapazen der Reise völlig erschöpft waren, und beschlossen, bis zum Ziel auszuharren. So zogen sie langsam Schritt für Schritt dem Ende der Reise los und kamen wohlbehalten spät in der Nacht in Krassikowo an. Die einheimischen Russen hatten nicht umsonst gewarnt: die letzten zu überquerenden Flüsse - Kaltanka und Kuterlinka - waren bis zu den Strauch- und Strohbrücken mit Eis und Schlamm gefüllt. Aber sie waren mit Gotteshilfe endlich am Ziel und mit herzlicher Liebe Willkommen begrüßt! Der Begleiter wurde sofort bezahlt, reitend zu Pferde bis Pleschanowo gebracht, von wo er am nächsten Tag mit der Post versuchen wollte, die Rückreise zu schaffen. Ja, hier waren sie nun, darunter die sechs Familien, die in Podolsk auf das für sie bestimmte Land ansiedeln wollten. Das Hochwasser ließ nicht lange auf sich warten. Obwohl es noch Nachtfrost gab, nahm der Frühling mit der Macht der Sonne und des warmen starken Windes das Seine. Und in einer Woche waren dann die Wege, wenn auch schlammig, aber passierbar. Das Land und das zugeordnete Dorf waren schon im Vorjahr vermessen. Es waren Keile mit Familiennamen eingeschlagen, damit jeder seine Feuerstelle finden konnte. Wilhelm Janzens Stelle war an der Sonnenseite, das hieß, sie hatten die Sonne tagsüber in den Fenstern. Auch der Boden war sehr fruchtbar, es war ein Tal, wo im Frühling das Tauwasser über Hof und Garten floß, so das die Erde gut gewässert wurde. Die sechs Neusiedlerfamilien fingen dann auch nach Möglichkeit an, das Allernötigste zu sähen und pflanzen. Erst danach, als auch die Erde trockner war, wurden die Erdbuden angefertigt. Dazu wurden aus der Wiese Soden Spatenstichtiefe und -lange gehoben und sorgfältig zur Seite gelegt, um trocknen zu lassen. Danach wurde eine Grube von einem bis anderthalb Meter tief gegraben, darauf die getrockneten Wiesensoden mit naßer Erdenmenge gemauert, dabei ließ man zwei Öffnungen - für die Tür und fürs Fenster. Alle zusammen fuhren sie nach Busuluk, was 100 Km entfernt im Walde lag, um Holz für ein festes Dach, für Fenster und Tür, die den hiesigen Winter aushielten, zu kaufen. Dieses war alles in der Sommerzeit geschafft, so das sie schon im frühen Herbst einziehen konnten. Weide für die Kuh und Pferd war genug. Die Kuh war auch sehr gut, Milch, Butter, Quark reichte für die ganze Familie, sie kamen ja mit vier Kinder hier an. Den kleinen Willi hatten die Eltern der ersten Frau sehr gebeten ihnen zu lassen. Es war ein kränkliches Kind, es waren auch noch unverheiratete Töchter zu Hause, die das Kind der verstorbenen Schwester sehr liebten und es gerne pflegen möchten. Der Vater willigte ein, bis es ihm leichter wird, das Kind hier zu lassen. Schnell verflog der erste Sommer bei der anstrengenden Arbeit am Haus und im Garten. Auch für das Vieh war eine Unterkunft aus Strohhaufen vorbereitet. Der Garten hatte das Nötigste an Kartoffeln, Rüben, Zwiebeln, Möhren eingebracht. Weizen, Hafer und Hirse waren auf dem kleinen besäten Stück Land gut gelungen und rechtzeitig geerntet. Die Nahrungsmittel, Futter und Brennmaterial zum Kochen und Hütte zu beheizen waren aufgeräumt, das der Winter frech erwartet wurde. Die sechs Familien verbrachten den ersten Winter in Eintracht und gegenseitiger Hilfe. Da mit hohem Schnee gerechnet wurde, machten sich die Türen in den Erdhütten nach innen auf. Es war jedermanns Aufgabe morgens, wenn er zur Tür hinaus trat, als erstes nach den anderen Hütten zu schauen, und bei jener, wo kein Rauch aus dem Schornstein stieg, war die Tür zugeschneit und der Wirt konnte nicht hinaus. Die Anderen waren verpflichtet, seinen Nachbarn "auszugraben". Aber alles ging brüderlich und mit gutem Mut zu. Wenn die Großmama mir diese ihre Lebensgeschichte erzählte, pflegte sie immer wieder hinzuzufügen: "Und das ging alles sehr gut, es war eine schöne Zeit.". Sie versammelten sich auch beinah an jedem Winterabend, wenn's nur der Schneesturm erlaubte, bei irgend einer Familie, um zu erzählen, zu planen, in der Bibel zu lesen und zu singen. Die Seelen brauchten auch gute Speise, um Kraft, Hoffnung und Mut zu erhalten. Im Winter fuhren die Männer dann auch zum Markt nach Iwanowka. Es fehlte ja auch Garn und Stricke, Nägel und Glas, Leder und vieles mehr zum Weiterbau. Dann wurde das Angespanngeschirr selbsthändig angefertigt. Die Frauen nähten, flickten, strickten, so das keine Zeit müßig verschwendet wurde. Im nächsten Frühling kam dann eine größere Anzahl von Familien an, fast alle Feuerstellen waren besiedelt. Der Sommer verging im Bauen, Säen und Ernten. Im Spätherbst wurde schon ein Dorfrat gewählt, der auch gleich die Aufgabe erhielt, für einen Schullehrer für Kinder im Schulalter zu sorgen. Im dritten Sommer wurden Steine bei den Baschkiren in den Bergen gebrochen, Ziegel aus Lehm, Stroh gemacht. Alle Dorfbewohner waren aktiv dabei, um so bald wie möglich eine Schule zu bauen. Da sollte auch der Gottesdienst stattfinden. Die Ernte war auch in diesem Jahr gut. Das gab neuen Mut und Hoffnung auf Gottes Segen. Ein Lehrer aus dem "Süden" wurde hergerufen, der dann alle Klassen zugleich unterrichtete. Jedes Schuljahr saß auf einer lang Bank, die durch den ganzen Klassenraum reichte. Auf dem ersten Platz saß der begabteste und ordentlichste Schüler. Weiter folgten, nach Leistungen beurteilt, die anderen Schüler bis zu den Faulsten oder Unaufmerksamsten. Bei dem dann auch die Rute am häufigsten peitschte. Ordnung, Gehorsam und Fleiß wurden mit der Rute beigebracht. Es geschah manchmal, daß einer beim Essen zu Hause nicht richtig sitzen konnte, und nicht nur der Geprügelte /meistens waren es Jungen/ sondern auch dessen Mütter die Mahlzeit mit Tränen genossen. Hatte es Einer aber geschafft, sich mit besseren Leistungen auszuzeichnen, so nahm er den Ehrenplatz ein, der von dem Anderen geräumt worden war. So nach dieser Art und diesem Sinn wuchsen auch die Janzens Kinder heran. Ein Jahr wechselte das andere, ohne sich sehr zu unterscheiden, nur das die Familie immer noch zunahm. Großmutter sagte, gehungert haben sie nie, wenn auch einige Jahre ziemlich knapp waren. Sie hatten nie verschwenderisch gebauert. Immer hatten sie Vorrat fürs nächste Jahr angelegt. Als die ältesten Kinder zum Helfen herangewachsen waren, hatten sie sich auch ein Häuschen aus Lehmziegeln gebaut, ganz klein und bescheiden. Vorne mit den Fenstern auf die Straße zwei Stübchen, kam ein sogenanntes "Hinjathus" Hinterhaus quer über das ganze Haus mit einer Küche und kleiner Vorratskammer, die schon in den Stall hinein ausgebaut war. Der Stall und die Scheune wurden ein paar Jahre später vollständig in der vollen Breite des großen Hauses errichtet, was irgendwann gebaut werden sollte. In den vergangenen Jahren waren Fohlen zu Pferde, Kälber zu Kühe geworden, Schafe angeschafft, die Wolle und Fleisch gaben. Außerdem gab es noch Schweine und Federvieh. Verständlich, daß die Scheune und Stall zuerst vergrößert wurden, um das alles unterzubringen bei den Wetterverhältnissen, die hier in der Steppe herrschten: im Sommer heiß und trocken, im Winter kalt, schneereich und stürmisch, das die Leute sich nicht aus dem Haus trauten, wenn es nicht unbedingt nötig war. Deshalb waren Wohnhaus, Stall und Scheune unter einem Dach untergebracht. An Arbeit fehlte es nie, und die Großmutter war überall dabei. Die Not macht erfinderisch, so nahm sie eine Vierteleimerflasche mit Schmand mit auf die Fuhre, wenn aufs Feld ging nach Weizen zum Dreschen, unterwegs wurde aus Schmand Butter, das sparte Zeit und Kraft. Und solche Begebenheiten hatte Großmutter viel zu erzählen. In den ersten Jahren wurde das Getreide ja mit Flügel gedroschen, das war ein langer Knüppel, an dessen Ende ein Zweiter mit einem Riemen angebracht war. Wenn man mit dem großen einen Schlag machte, machte der Kleine einen Doppelschlag. Dann kam der Dreschstein. Das Getreide wurde auf der Tenne verteilt, der Walzstein wurde darüber von einem Pferd gezogen, bis das ganze Korn ausgedroschen unterm Stroh lag. Das Stroh wurde dann noch "durch den Wind gelassen" - mit einer Heugabel hochgeworfen, erst danach zum Strohhafen gelegt. Aus dem Weizen wurde die Spreu ebenfalls mit dem Wind rausgeweht, indem man ihn "durch den Wind ließ". Der reine Weizen wurde in Eimer gefüllt und auf den Dachboden ins Trockene getragen. Die Kinder halfen, wo sie nur konnten. Aus so einer Hocherntezeit stammt folgende Erinnerung, die Großmutter mir im hohen Alter mit ihrem unvergeßlichen Schmunzeln erzählte. Aufs Feld war sie nicht mitgefahren, weil sie hochschwanger war und die Kindeswehen hatten sich schon gemeldet. Als ihr Mann mit der Fuhre Getreide gekommen war, fragte er sie, ob sie vielleicht noch diese eine Fuhre abladen könne mit ihm, denn es sieht nach Regen aus. Sie stieg auf den Getreidehaufen und sagte, es müsse aber hurtig gehen. In 15 Minuten waren sie fertig. Als der Wagen leer war, sagte die Großmutter: "Wenn du nicht willst, daß ich das hier auf dem Haufen zur Welt bringe, heb' mich runter und trage mich hinein, denn das Fruchtwasser ist schon weg." Als der Mann sie verblüfft anschaute und nicht gleich wußte, was zu tun war, fügte sie hinzu: "Nü uba hurtig, es motzt dü noch diene Blüs unjahole!" - Jetzt aber schnell, sonst mußt du dein Hemd ausbreiten, damit es nicht auf den Boden fällt! In einem Nu war er mit mir im Haus, und hier auf der Ruhebank kam das 6. Kind zur Welt. Zum Glück wohnte die Hebamme auf Nachbarschaft, und hatte alles mitgekriegt. Sie kam dann auch, ohne abzuwarten, bis sie gerufen wird, schalte meinen Mann, leichsinnig zu sein, betreute das Kind und die Mutter, worauf der Mann nach der letzten Fuhre loszog. Eine Woche später saß Großmutter schon wieder auf dem Ausfahrstuhl beim Dreschen. Ein paar Jahre nach diesem Vorfall, wieder in der Erntezeit, passierte Folgendes: Bis spät in die Nacht hinein wurde gedroschen, das Stroh an die Seite im Scheunenraum geschoben, wo die kleinsten Kinder ihr Spiel und Spaß hatten. Als es schon dunkel war, wurden die Pferde ausgespannt, versorgt, dann rief man nach den Kindern, die auch ganz müde waren. Wer hatte sich selbst die Hände und Füße gewaschen. Wen hatten die Größeren gewaschen. Alle krochen müde ins Bett und schliefen auch augenblicklich ein. Als die Eltern dann auch endlich soweit waren und vor Müdigkeit kaum die Augen aufbehalten konnten, fragte der Mann plötzlich unruhig: "Bist du dir auch sicher, daß alle Kinder im Hause sind?" Sie antwortete halb im Scherz, er solle doch nachzählen. Mit Schreck stellte er fest, daß einer fehlte. Jetzt waren sie beide hell wach, raus aus dem Bett und zum Strohhaufen. Und siehe da, der Siebenjährige Sohn schlief da sanft und fest. Er bekam es nicht einmal mit, wie sein Vater ihn ins Haus trug und zu den Geschwistern legte. Im kleinen Haus wurde es immer enger. Großmutter hatte in 15 Jahren 11 Kinder geboren, 2 davon sind im Kindesalter gestorben: Jakob - wie alt er wurde, kann ich jetzt nicht sagen, Elisabeth starb mit 2 Monate. Sie war als kränkliches Kind geboren. An diesem Tag hatte die Großmutter das Töchterlein noch gestillt und hingelegt und zugedeckt. Des Nachts hatte ihr Mann sie geweckt und gesagt: "Schau mal nach der Kleinen, ich hab' geträumt, sie sei tot." So war's auch - die Kleine atmete nicht mehr. Die Tochter Sauntje /Susanne/ war 16 Jahre alt, als die an Schwindsucht starb. Die anderen haben sie alle groß gezogen. Großmutters Eltern, Benjamin Sieberts, zogen auch mit allen verheirateten Söhnen etwas später aus dem Süden nach, sie kamen aber irgendwie nicht auf den grünen Zweig. Als dann noch die Mutter starb, schien es, daß die Familie den Rückgrat verlor. Der 65-jährige fuhr in den Süden und kam mit einer 25-jährigen Frau zurück. Darüber stand allen im Dorf erst mal der Odem still. Großmutter erzählte, daß sie, ihren Vater nur einmal gefragt hatte, ob er es sich gut bedacht hatte, so eine Schande in seinem Alter sich zuzufügen. Worauf der Vater gesagt hatte: "Eftje, waut die nuscht aunjeet, doromm hast du die nich tu tjemre." /Evchen, was dir nichts angeht, darum hast du dir auch nicht zu kümmern./ Und so hatte sie auch nie ein Wort darüber mit ihm gesprochen. Im Dorfe hatte er gesagt, daß er Jemand im Alter haben wollte, der für ihn sorgte. Es kamen die Jahre 1906 - 1908, viele junge Familien waren entstanden, die kein Land mehr bekommen konnten. Eine neue Auswanderung begann. Diesmal ging es in den Süden Sibiriens, nämlich nach Altar. Dahin zogen auch Vater Benjamin Siebert mit allen Söhnen. Sein Wirtschaften mit der jungen Frau hatte auch dort wenig gebracht, nur ein Kind nach dem anderen wurde geboren, die Frau kam nicht aus dem Bettlager raus, war sehr viel krank, so das andere Leute diese Familie betreuen mußten. Der alte Mann war jämmerlich verkommen gestorben, die Frau mit Kindern starben in den Jahren der Hungersnot 1921. Ob von den Kindern doch noch vielleicht jemand am Leben geblieben ist, weiß jetzt keiner. Großmutter sagte immer wieder, daß es sicher nicht einfach war, solche große Kinderschar großzuziehen. Da kam oft die Lederschlorre zur Hilfe, die auch immer zur Hand war. Der Vater war nicht streng zu den Kindern und überließ gerne die Strafe der Frau. jedes Kind hatte auch seinen Charakter. Besonders Peter hatte ihr viel Kummer bereitet. Er war eigensinnig, sie nannte ihn einen ungezähmten Burschen. Da war die Lederschlorre nicht imstande, Mutters Meinung durchzusetzen. Er fuhr dann auch gegen den Willen der Eltern jung unverheiratet fort nach Sibirien. Alles Ermahnen half nicht, er war sozusagen der Anführer der Jugend, aber auch dessen wurde er überdrüssig. Später hatten sie gehört, daß er auch in Sibirien sein wildes unruhiges Leben geführt hat. Als dann ein 16-jähriges Mädchen schwanger von ihm wurde, wurde er etwas ruhiger und ist dann mit ihr nach Kanada ausgewandert. Da das kleine Haus zu eng für die große Familie geworden war, bauten sie an der Grenze zu den Nachbarn ein Nebenhaus, was auch gleich als Werkstatt diente. Da lernten dann die ältesten Sohne Tischlerei. Abends diente es als Treffpunkt, wo die Jugend sich ungestört und ohne Aufsicht kennenlernen könnten, so wuchsen die Kinder heran. Die Alteste - Tina /Katharina/ heiratete den Benjamin Unruh. Zu deren Hochzeit war der Stiefsohn zum ersten Mal in die Neusamara-Siedlung nach Podolsk aus dem Süden gekommen. Wilhelm lernte hier ein Mädchen kennen, heiratete sie. Diese beide Geschwister zogen dann als Familien nach Sibirien. Die Großmutter verstand die Welt nicht mehr, es hat sie hart getroffen, so die Kinder loszulassen. Weil aber unser Mennonitenvolk Ackerbauer im Herz und Sinn waren, fehlte jeder neuer Generation immer wieder Land zu Ackern. In Rußland lagen zu der Zeit noch unendliche Steppen unbebaut. Für die Regierung war es nur zum Vorteil, daß die unermüdlichen, fleißigen Deutschen immer weiter ansiedelten, neues Brachland bebauten. 1990 las ich in einer Zeitschrift Rußlands, daß anno 1913 Rußland dreimal so viel Getreide exportierte, wie zurzeit, und das wo noch kein einziger Traktor das Land bearbeitete, der größte Teil dieses Getreides kam aus den deutschen Kolonien. Dieses Zeugnis spricht vom Fleiß der deutschen Ackerbauer. Dadurch wurden die meisten Familien wohlhabend, was schnell zu Neid, Abgunst, sogar Haß von Seite der Nachbarvölker brachte. So daß das deutsche Volk sich ständig unsicher und fremd fühlte. Darum zogen auch viele immer weiter, nach Geborgenheit suchend. zudem brauchten die Mennoniten dem Gesetz nach, um dem Glauben nicht zu widersprechen, nicht zum Militärdienst. Das gab einen weiteren Anstoß bei den Anderen Nationen. Denn wer wollte schon freiwillig sein Leben lassen. Im ersten Weltkrieg mußten dann die deutschen Männer zum Dienst in die Forstei, oder als Sanitäter in die Krankenhäuser die Verwundeten betreuen. Als aber die Bolschewisten an die Macht kamen, und viele Gesetze abgeändert wurden, war das deutsche Volk doch so unsicher, daß eine Massenauswanderung begann. Kanada, Paraguay, Brasilien... sie ließen alles stehen und liegen, zogen davon, weg aus Rußland, um die Familien zu retten. Der erste Weltkrieg hatte die Wirtschaft lahmgelegt, denn die jungen Männer waren alle eingezogen, zudem wurden immer mehr Steuer in Geld und Getreide gefordert. Banden zogen umher und plünderten die wohlhabenden Bauern, so das noch gut war, wenn man mit dem Leben davonkam. Es herrschte ein großer Wirrwarr im ganzen Land. Die Hungersnot 1921 forderte manch ein Opfer. So kam es auch mit der Tochter Tina/Katharina/, Frau Benjamin Unruh, die ja nach Sibirien gezogen war. Der Mann eingezogen, irgendwo in Mittelasien. Sie hatte sich mit ihren 6 Kindern auf den weiten Weg gewagt nach Hause zur Mutter. Großmutter erzählte unter bittere Klagen und Tränen, daß sie die letzte Nachricht von ihr von einem fremden Mann, der auch mit seiner Familie zurück nach Samara gekommen war, erhalten hat. Der erzählte, daß Tin in Pawlodar mit der ganzen Familie auf dem Bahnhof sitzt, hungrig und ohne Geld, wenn sie keiner holen kommt, muß sie da mit den Kindern sterben. Großmutter hatte auch gleich den Sohn Abram hingeschickt, aber die Reise dorthin im Wirrwarr des Krieges dauerte zwei Wochen, so daß keine Spur von jemand zu finden war. Auch später kam keine Nachricht weder von der Tochter Tin, noch von Ihrem Mann Benjamin Unruh. Erst nach dem II. Weltkrieg 1948 bekam Großmut plötzlich einen Brief von Benjamin Unruh aus Alma-Ata. Auch er wußte nichts von seiner Familie. Alle hatte der Hungertod weggerafft. Die Großmutter weinte noch immer die bittersten Tränen, wenn sie zu mir ins kleine Stubchen kam, wo ich mit meinen kleinen Kindern beschäftigt war. Sie erinnerte sich dann an die Zeit, als sie so wie ich jetzt mit Kindern umgeben war. Jedes Kind wurde dann erwähnt: mit Namen, wann und wie geboren. Was mich so sehr jammerte war, daß sie die ganze Kinderschar nicht nur geboren und erzogen hatte, sondern auch, außer 2 - Tochter Helene(TESSMANN) und Sohn Peter (KANADA) - alle begraben und beweint hat. Solche Kinderschar großzuziehen, war auch keine leichte Aufgabe. Der Mann war herzleidend, hatte das Asthma woran er 1917 den 9.November starb. Der Beerdigung hatten fast nur Frauen beigewohnt, da die Männer alle eingezogen zum Dienst im Krieg waren. Die Tochter Aganetha war ein sehr bescheidenes, arbeitsames Mädchen. Sie heiratete einen Peter Kröcker aus Bogomasowo, wo sie auch in den Kriegsjahren anfingen zu bauen, was aber sehr schwer war und langsam voranging. Ein Kind nach dem Anderen wurde geboren, überall mußte die Frau mitanpacken, denn sie waren keine Großbauer. Dazu kam dann noch die Kollektivierung und das hieß alles was sie angebauert hatten, mußten sie in die Kollektivwirtschaft (KOLCHOS) umsonst abgeben. Die Arbeit im Kolchos wurde soviel wie gar nicht bezahlt, so daß es nur jämmerlich zuging. Der Sohn Abram heiratete nicht, er übernahm dann auch die Wirtschaft nach Vaters Tod. Der Sohn Heinrich brachte erst auch noch große Sorgen. Sarah Harder erwartete von ihm ein Kind, aber er ließ sich warnen, und holte sie zu Großmutter ins Haus als Frau eine Woche vor der Geburt des Kindes. Das war anno 1921, da eine große Mißernte war. Großmutter erzählte, daß sie im nächsten Frühling nur einen Eimer Saatkartoffel hatten, das Andere war alles aufgegessen. Aber 1922 gedieh alles sehr gut, so daß sie diesen Eimer Kartoffel, so groß wie Haselnüsse, im Herbst mit einem Bretterwagen nach Hause gefahren haben. Heinrich hatte die zweite Wirtschaft zugeteilt bekommen, die die Harders schon in der Zeit der Auswanderung sich angeschafft hatten. Diese Familie wurde auch reich an Kindern: 4 Töchter und 5 Söhne. Heinrich wurde in die Trudarmee eingezogen, die Familie sah ihn nie wieder, bekam die Nachricht, daß er dort 1943 starb. Die arme Frau mußte sich kümmerlich durchschlagen. Dann war noch Tochter Eva, die auch früh sterben mußte. Sie war zu einer stolzen feinen Jungfrau herangewachsen. Heiratete einen Gerhard Töws. Die junge Familie mit einem kleinen Mädchen und das zweite unterwegs, machte sich auf den weite-weiten Weg nach Kanada. Irgendwo im Süden auf dem Wege erkrankte die Frau an Typhus, so daß sie in die Ukraine zu den Töwseltern zurückkehrten dort starb sie mit dem Kinde noch bei sich, hinterließ ein Töchterlein Gredel. Töws Gerhard kam nach Podolsk, holte Sara, die jüngste Tochter von der Großmutter, und bat sie, das Kind zu betreuen. Später bat er Tante Sara, ihm eine Frau und dem Kind eine Mutter zu sein. Aber die hatte ihm abgesagt mit den Worten: als Schwager warst du mir gut, aber als Mann mag ich dich nicht haben. Und überhaupt bin ich entschlossen, bei Mami zu bleiben. Ich habe mich an dem Elend meiner Schwester sattgeschaut. Darauf hat Töws sie gebeten, solange bei dem Madchen zu bleiben, bis er zurück nach Neusamara gefahren sei, um die Helene Stobbe aus Krassikowo (einem Nachbardorf von Podolsk) zu heiraten. Mit dieser Frau und dem Gredelchen fuhr er dann nach Kanada. So blieb Tante Sara auch ledig bei der Mutter, unserer Großmutter, sowie Onkel Abram. Der Tochter Helene blühte das Glück auch nur sehr kurze Zeit. Sie heiratete den Johann Tessmann, was alles schon in den Jahren Kollektivierung vorging. Das Bauern hatte keinen Zweck; das Wenige, was sie in den Paar Jahren des Ehestandes erschaffen hatten, mußten sie, wie auch die ganze Bevölkerung, dem Staate, der Sowjetunion, abgeben zum gemeinsamen Wirtschaften. Es wurde nicht gefragt, ob sie wollten, ob sie einverstanden sind. Hiermit war dann auch das Streben nach Bauern vom Eigenland unterdrückt. Es fing die Schreckenszeit an, aber Gott sei Dank, keiner ahnte, was ihm noch alles bevorsteht. So wurde Johann Tessmann, Helenes Mann, anno 1937 verhaftet und nie mehr von der Familie gesehen. Die Frau blieb mit 6 Kindern zurück, die alle unmündig waren, die kleinsten waren Zwillingen, einer aber bald starb. Sie hatten noch die ersten zwei Kinder in einer Woche durch den Tod abgeben müssen. Aber 5 Kinder erzog Helene dann allein, in all den kargen Jahren, wo es ständig an allem fehlte. Tante Sara war eine schwache Person, hatte doch wohl das Herzleiden vom Vater geerbt. Sie mußte aber auch an die Arbeitsfront nach Orsk, in den Jahren des II. Weltkrieges, wurde dort aber so schwach und krank, daß sie für eine Weile nach Hause durfte, worauf die Großmutter sich sehr gefreut hatte. Da aber alles im Land auf Kriegesordnung stand, wurden immer wieder alle Krankgeschriebene zur Untersuchung gefordert. Wenn sie da bei heimischer Kost sich wieder gebessert fühlten, mußten dann wieder weg zur Arbeitsfront. Tante Sara war aber zu Hause geblieben und kam dann mit Einigen, die auch nicht dem Befehl gefolgt waren, ins Gefängnis, was für Großmutter ein harter, unbegreiflicher Schlag war. Aber Tante Sara wurde doch bald entlassen und blieb dann auch schon ganz zu Hause. So blieb sie auch Großmutters Stütze, bis sie im Alter von 53 Jahre doch am Herze so schwer erkrankte, daß sie eines Tages im Spätherbst zu mir sagte: "Liese, wenn du wieder zur Untersuchung in die Ambulanz gehst, frage doch mal, wann die Ärzte aus dem Krankenhaus kommen werden, ob ich nicht auch zu einer Untersuchung kommen darf. " Ich wunderte mich sehr, daß Tante Sara sich wollte untersuchen lassen und fragte, zu welchem Arzt sie denn wollte. Darauf antwortete mir mit diesen Worten: "Ich bin viel leidender, als ihr es seht, mein Herz ist so schwach, mir fällt die Arbeit so schwer, das Wenige, was ich noch tun muß. Vielleicht können die Ärzte mich noch so lange halten, bis Mami die Augen schließt und sie noch vor mir heimgeht. "Ich versprach es ihr auch, da ich schwanger mit drittem Kind war und oft zur Untersuchung mußte. So ungefähr in einer Woche war es dann soweit, daß die Kommissionsärzte bei uns im Dorf waren. Die Ambulanz war nur schräg über die Straße von uns. Tante Sara hackte ich unter den Arm ein und ging mutig los, mich auf meine junge Kräfte verlassend, durch den tiefliegenden Schnee. Aber Tante Sara konnte nur sehr langsam gehen, sie keuchte immer schwerer, jeder Schritt im Schnee, der fast bis zu den Knien reichte, wurde für sie eine Qual, meine Kräfte ließen auch nach. Als wir so törtelnd auf die Dorfstraße kamen, sah uns Daniel Tessmann, Tante Saras Neffe, er eilte schon uns entgegen und fragte verwundert, was wir vorhatten und wohin wir so hinkommen wollten. Er packte Tante Sara am anderen Arm und so hing sie auch mit ihrem ganzen Gewicht auf uns und konnte sich nur schleppen lassen. Kein Laut kam aus ihrem Munde. Als der Arzt sie untersuchen wollte, half ich ihr beim ausziehen, da sah ich schon selbst, daß sie am ganzen Leib geschwollen war. Der Arzt begann mich zu schelten, warum ich nicht früher meine kranke Mutter zu den Ärzten gebracht hätte, denn der Zustand war schon zu weit. Dann sagte Tante Sara selbst, daß sie nicht meine Mutter sei, und sie ist mir dankbar, daß ich sie in solchem Zustand überhaupt noch mich übernommen habe herzubringen. Daniel Tessmann hatte in dieser Zeit einen Pferdeschlitten geholt, und wir fuhren sie nach Hause. Der Arzt hatte viel Pillen angeordnet, aber der Schwulst an den Beinen und am Leib nahm immer mehr zu. Drei Monate später kam sie langsam in unsere Stube und sagte: "Wenn Abram nach Hause kommt, sag ihm doch, er soll heute Abend noch bei mir reinkommen." Dann sagte ich zu ihr: "Das können sie, Tante Sara, auch mir sagen denn ich weiß nicht, ob mein Mann noch heute von der Reise heimkommt." Darauf sagte sie schon ganz zitternd: "So muß ich sterben. Ich habe mir deinen Mann und Helene (Tessmann) (auch ihre Nichte) auserwählt, die sollen mich nach Pleschanowo ins Krankenhaus bringe Ich wollte sie noch beruhigen, aber sie sagte, ich spüre, daß es dem Ende zugeht, und Großmutter wird vor Kummer vergehen. Frühmorgens am anderen Tag hatte mein Mann. einen großen Schlitten angespannt, denn Tante Sara mußte schon liegend dorthin gebracht werden. Als sie mit unserer Hilfe den Mantel angezogen hatte, sank sie schwer auf die nahestehende Bank und meinte, sie käme nicht mehr alleine bis nach draußen, die Großmutter umarmte weinend ihre jüngste Tochter und sagte unter Tränen: " Aber Sara, du wirst mich doch nicht auch verlassen, du solltest mir ja die Augen zudrücken und nicht ich dir! " Das war ein trostloser Abschied, aber sie fühlten beide doch wohl die Wahrheit. Dann setzten wir die Kranke auf einen Stuhl und trugen sie so bis zum Schlitten. Das war an einem Mittwoch. Der Arzt hatte zu Abram und Lena gesagt, daß er versuchen wird ihr das Wasser abzutreiben, und dann könnten sie sie in einer Woche nach Hause holen. So beruhigten wir dann auch die Großmutter, aber sie hatte eine ganz andere Vorahnung. Sie bat, ob nicht jemand Tante Sara besuchen würde, um zu sehen, wie es der ging, sie war so unruhig, sie war zu der Zeit 93 Jahre alt. Ich sagte zu meinem Mann, wenn keiner fährt, dann bring mir Sonntag einen Pferdeschlitten und ich fahre, denn wir können die arme Großmutter nicht so lange in Unwissenheit lassen. Ich fuhr hin. An dem Tag war es ziemlich kalt, das Pferd war ganz bereift, als ich in Pleschanowo ankam. Dort meldete ich, zu wem ich wollte, aber die Krankenschwester fuhr mich ziemlich barsch an, wer ich an die Kranke war. Als ich sagte, ich sei eine Verwandte und wohne mit ihr in einem Hause, und sie meinen großen Bauch sah, denn ich verlebte die letzen Wochen meiner Schwangerschaft, wurde sie etwas weicher und sagte, daß ich zu einer einer ungünstigen Zeit gekommen sei, aber, wenn ich verspräche, kein Geheul anzustellen und mich ruhig zu benehmen, dann könnte ich die Kranke besuchen. Es stand nämlich sehr ernst um sie, alle Bemühungen der Ärzte, das Wasser abzuführen, waren vergeblich, die Kranke lebte vielleicht die letzten Tage. Ich versprach alles, und die Schwester geleitete mich ins Zimmer, wo Tante Sara lag. Sie saß schwer atmend auf Kissen gestützt. Sie schaute auf zu mir und flüsterte: "Und du, arme Liese, hast dich auf den Weg gewagt, mich zu besuchen? Ich beruhigte sie freudig, daß ich es aus Mitleid zu ihr und Großmama getan habe. Großmutter habe bestellt, sie inniglich zu grüßen, sie sollte alles einnehmen, was der Arzt verordnet, um doch wieder gesund zu werden und zu ihr nach Hause zu kommen. Darauf schwieg Tante Sara, kein Wort des Trostes übergab sie der Mutter, unserer Großmama. Ich erzählte ihr noch, daß ihre Kuh in ihrer Abwesenheit gekalbt habe, ein schönes Kälbchen, aber das interessierte sie gar nicht. Sie atmete so schwer, daß ich mich doch bemühen mußte, in ihrer Gegenwart nicht zu weinen. Ich sah es deutlich, wie schnell es dem Ende zuging. Von dem bißchen Sprechen war sie müde geworden, die Augen fielen ihr zu. Ich nahm von ihr Abschied, um nie wieder im Leben zu sehen. Fuhr die Rückreise ganz in Tränen versunken. Das gab eine traurige schwere Nachricht für die Großmama, da sie doch schon vielmal zum Fenster rausgeguckt hatte, mich doch mit einer guten Nachricht erwartend. Wie ich mich nicht bemühte, die Wahrheit kam doch raus. Jämmerlich weinte sie in ihre alte Hände, die sie vor dem Licht hielt: "Sara, Sara, warum hast du es so weit kommen lassen, und dein Leiden so lange verschwiegen, bis dir keiner mehr helfen kann. Und jetzt läßt auch du noch mich allein hier. Nimm mich doch mit!" Am nächsten Tag fuhren dann auf mein Alarm Lena mit ihren Töchtern, auch Lena Janzen mit Sara zu Besuch. Wenn's nötig wollte eine für die Nacht bei der Kranken bleiben. Aber sie kamen alle zurück. Dienstag vormittag kam schon die Nachricht per Telefon in der Poststelle, daß sie die Leiche abholen sollten. Solche Nachricht Großmutter zu melden, das war nicht einfach. Zum Glück war ihre Tochter, Tante Helene schon bei ihr zu Nacht geblieben. Daniel Tessmann und Abram fuhren mit einem Schlitten. Es gab ein trauriges Wiedersehen, als die steifgefrorene Leiche reingebracht und auf die alte Ruhbank gelegt wurde. die arme alte Mutter! So viele Kinder hat sie schon beweinen müssen, und jetzt die gute liebe Sara. Aber Tante Sara vernahm das Wehklagen ihrer Mutter nicht. Wie hatte Großmutter all den Jahren, nachdem Tante Sara während des Krieges verhaftet wurde, die Angst ausgestanden, diese letzte Stütze zu verlieren. Wenn ich mal im Sommer von der Arbeit auf dem Felde kam, und Tante Sara war nicht zu Hause, war sie gleich aufgeregt: "Wu es onse Sar' aulwada so lang. De aundre kumme tu Tiet, en se es verschwunge." /Wo ist unsere Sara so lange. Die Anderen kommen rechtzeitig, und sie ist verschwunden/ Dann sagte meine Schwiegermutter: "Wo wird eure Sara wohl bleiben, die ist ja noch immer wieder gekommen." Großmama hatte eine Antwort darauf: Saj mo gonich, emul kunn se nich kumme, dann haud ar de GPU jenumme, en see kaum nich tu Tiet." /Sag' so was nicht, einmal konnte sie nicht kommen, damals hatte sie die GPU genommen, und sie kam nicht rechtzeitig./Dieses Schrecknis verlies Großmutter nie. Jetzt war aber das Allerschrecklichste eingetroffen - der Tod. Tante starb am 11. Februar 1954 und wurde Sonnabend zur Grabesruhe getragen. Eine Woche später kam mein drittes Kind zur Welt. So ist es, einer stirbt und der andere wird geboren. Aber hiermit konnte ich Großmutters Verlust nicht ersetzen. Jetzt werde ich bis ins Jahr 1928 zurückgehen. Großmutter erzählte, daß sie noch im alten kleinen Haus mit großem Stall wohnten. Da Sohn Abram und Tochter Sara beide ledig waren, bauerten sie so weiter. Abram beschloß endlich mal ein schönes Wohnhaus aufzubauen. Im Winter schaffte er alle Fenster und Türen selber an, im Sommer ging's dann los. Man mußte das Alte abbrechen, und an der Stelle das Neue aufbauen. Es wäre auch zum Winter fertig, aber es scheiterte an den Balken. Abram wollte unbedingt kantige, und es waren nur runde zu kriegen. So blieb der Bau dann noch ein Jahr stehen, aber auch dann waren keine aufzutreiben. So mußten doch runde Balken eingemauert werden, aber ein schönes Zinkblechdach kam aufs Haus, es war das einzige Haus mit so einem Dach. Die Zeit war schon sehr unsicher, viele der Mennoniten saßen schon auf Koffer zum Auswandern nach Kanada. Es war eine Schreckenszeit, die Bolschewiki waren an der Macht, alles Gute wurde vernichtet, was an Glaube und Leben in der Zeit der Einwanderung angebauert war. Die Menschen verließen geheim über Nacht Haus und Hof, um die Familien zu retten. Die ersten Prediger und Gutsbesitzer waren schon verhaftet und samt Familie nach Sibirien oder in den Hohen Norden vertrieben. Auch Wilhelm Janzen, der Stiefsohn der Großmutter, der im Altai als Prediger war, wurde verbannt in den Kalten Norden. Abram Janzen ist immer ein aufrichtiger Selbstarbeiter gewesen, nie hoch heraus, so daß ihm nicht viel drohen konnte. So baute er das neue Haus fertig und lebte ruhig weiter. Im Jahre 1933 heiratete er doch noch im Alter von 43 Jahren Gertruda Harder, die zwei Kinder - Anna und Abram - allein erzog. Ihnen wurden noch drei Kinder geboren. Ein Sohn - Heini - der im Alter von anderthalb Jahren an Gehirnentzündung starb. Dann war da noch der Sohn Jakob, es war eine Frühgeburt und lebte nur 2 Monate. Am 15. August 1937 wurde Tochter Evelina geboren. Das die Kleine ihren Vornamen trug, war für die Großmutter eine große Freude. Sie war immer stolz auf ihren Namen, da er der Name der ersten Frau der Welt war von Gott gegeben. Als 1952 ihre Urgroßenkelin Eva Thiessen geboren wurde, und Großmutter dazu gratuliert wurde, sagte sie überzeugt und herausfordernd: "Na, ganz deutlich, Eva und Willi sind ja die schönsten Namen auf der Welt". Die Freude an Abrams Glück war sehr kurz, denn am 12. September um 1 Uhr mittags kam der "Schwarze Rabe", wie das Polizeiauto im Volksmunde genannt wurde, auf den Hof gefahren. Abram war zu Mittagessen von der Dreschmaschine im Kolchos eben gekommen. Die Militzen hielten ihm den Revolver vor die Brust und erklärten ihm, daß er unter Arrest steht. Die Hände auf dem Rücken haltend, mußte er sich im Wohnzimmer auf einen Stuhl setzen und das Schicksal walten lassen. Es waren vier Männer, sie durchwühlten das ganze Haus, nahmen alles an Kleider und Bücher mit, was wertvoll war. Sie schrieben auch ein Protokoll, den er unterschreiben mußte. Dann wurde er zum Auto geführt und unter Schreien der alten Mutter, der Frau und Kinder, fuhren sie vom Hof. Es war das letzte Mal, daß die Mutter ihren stillen, ruhigen Sohn Abram gesehen hatte. Das Leben ging unter Tränen und bangem Warten weiter. Sie teilten sich das Haus, Großmutter mit Tante Sara in der Vorderseite, Abrams Frau Gertruda mit ihren jetzt drei Kindern in der Hinterseite. Das Andere blieb alles gemeinsam. Als der Krieg ausbrach, mußten alle Männer und Frauen bis 55 Jahren an die Arbeitsfront. Auch Tante Sara wurde einbezogen, sie wurde nach Orsk geschickt, wo Tausende Frauen, alles Volksdeutsche, unter schlechtesten Lebensbedingungen verschiedene Arbeiten machten. Da die Volksdeutsche in der Sowjetunion als Staatsfeinde abgestempelt waren, wurden sie als billige Arbeitskraft ausgenutzt. Von Freiwilligkeit war keine Rede. Jetzt blieb Großmama mit Abrams Frau Gertruda und deren 5-jährigen Evelina allein im Hause. Anna und Abram Harder - Stiefkinder Abrams - waren auch schon eingezogen. Anna - nach Sibirien, Abram - nach Perm, eine Stadt im Nordural, beide arbeiteten in Kohlengruben. In Großmutters Haus wurden 2 Familien aus den Flüchtlingen einquartiert, so daß Großmutter ihre Stuben räumen mußte und bei Gertruda einzog. So vergingen zwei sehr schwere Jahre, bis Tante Sara wieder bei Großmutter bleiben konnte. Abram Harder war auch nach dem Krieg im November 1946 nach Hause gekommen, was aber strengstens verboten war. Denn als der Krieg endlich zu Ende war und alle hofften, nach Hause zu kommen, mußte sich das ganze deutsche Volk unterschreiben, auf ewig in der Verbannung zu bleiben. Das war ein harter Schlag für die Leute; sie wurden ungerecht, brutal behandelt, und mußten unterschreiben, daß sie das verstehen und billigen als notwendige Maßnahme. Abram hatte sich auf seine Kräfte verlassen. Er hat es probiert, sich nach Hause zu schleichen, was auch unter großer Gefahr glückte, konnte aber auch schief gehen. Zu Hause angekommen, sah er den schweren Zustand der Familie. Großmutter ging auf die 90 zu, die Mutter ganz abgerackert und herzkrank von all' den unendlichen Leiden, Schwester Anna als Krüppel auf Krücken aus der Trudarmee gekommen, hatte einen kleinen Sohn, die jüngste Schwester Evelina besuchte die Grundschule; und keine Männerkraft im Hause außer ihm. Er faßte den Entschluß zu bleiben, wenn's auch hart kommen sollte. Es gelang auch, denn er hatte sich ein Dokument von den Ärzten besorgt, worin die Lage in der Familie bestätigt war. Es gab noch mehrmals Krach, aber er blieb dann doch zu Hause. Wir lernten uns kennen, und nach einem Verlobungsjahr heirateten wir am 25. September 1948 und zogen in Großmutters Haus ein. Die Flüchtlinge waren zu der Zeit schon ausgezogen, die Sommerstuben wurden unser Heim, Großmutter und Tante Sara in den Eck- und Kleinstuben, Schwiegermutter in der Großstube, so wohnten wir, bis Tante Sara 1954 starb, was ich schon früher beschrieben habe. Nach deren Tod, was aber nicht Großmutters letzter Schicksalsschlag sein sollte, wollte ihr Kummer und Wehklagen nicht aufhören. Sie erwähnte alle ihre verstorbenen Kinder mit Namen, und ihre alten Augen konnten den Lauf der Tränen nicht aufhalten. Wo ist meine liebe herzensgute Tin mit Kindern? Wo und wer wird sie beerdigt haben? Wo liegen die Knochen meiner lieben Söhne Abram und Heinrich? Wird ihnen jemand die Augen zugedrückt haben? Es war jämmerlich anzuhören, wo wir schwache Tröster für ihr Leid waren. Ich kann es mir jetzt ein wenig vorstellen, da meine Kinder längst alle aus dem Elternnest ausgeflogen sind; wie ich mich nach ihnen sehne, obzwar sie noch alle am Leben sind und wir uns oft besuchen können. Und Großmama saß aber Tag und Abends, beinah die ganze Zeit alleine in ihrer Stube, gewöhnlich im Dunkeln und dachte ihre schweren Gedanken und sehnte sich endlich zu sterben. Meine Schwiegermutter besorgte sie so gut sie konnte, aber ihre teure Sara konnte ihr niemand ersetzen. Nach dem Begräbnis sagte sie aber selber oft, obzwar ich sehr ungern aus meinem trauten Haus rausziehe, aber ich habe nur noch ein eigenes Kind (das war Helene Tessmann) und bei ihr will ich sterben. Sohn Peter war vor Jahren nach Kanada allein aus der ganzen Janzens Familie ausgewandert und allem nach, das einzig richtige Los für sich getroffen. Er schrieb auch hin und wieder Briefe an Großmama, aber weil die Zeit so unsicher war, hatte die immer große Angst diese Briefe könnten jemanden schaden. Noch 2 Monate blieb sie noch in ihrer Hälfte des Hauses. Am 20. April 1954 fiel dann der letzte Schicksalsschlag, mittags um 12 Uhr standen der Stall und die gewesene Scheune, die zum Stall für die Kolchoskälber umgebaut war, in Flammen. Sehr schnell sprang das Feuer auf das Wohnhaus, so daß das schöne Zinkdach runterbrannte, aber dank der Hilfe der Dorfbewohner blieb die Decke verschont weil sie das Feuer löschten. Danach wurde die Großmutter mit ihrem bißchen Hab und Gut aufgeladen, mit innigen Wehklagen und Tränen nahm sie von ihrem 65 Jahre lang bewohnten Heim Abschied. Ihre einzige noch lebende Tochter mit ihren Kindern, die da noch zu Hause waren nahmen sie auf. Sie lebte noch anderthalb Jahre, aber die Sehnsucht nach all den lieben Vorangegangenen wurde immer tiefer und ihre Kräfte ließen nach. Nach dem Brand wurde der Rest taxiert auf 2500 Rubel. Die Großmutter sagte aber gleich, weil Gertruda die Hälfte des Hauses gehörte und sie nur einen Sohn hatte, so sollte dieser Sohn, mein Mann Abram, für sich Großmutters Hälfte kaufen, um mit der Familie da weiter zu wohnen. Das Geld teilte sie dann in 5: Die 2 Töchter und 2 Schwiegertöchter bekamen je 500 Rubel, einen Teil behielt sie. Wir bezahlten das, was vom Brand übriggeblieben war und begannen mit dem Aufräumen des Schuttes im Stall. Weil die Decke nicht verbrannt war, konnten wir in einer Woche wieder einziehen. Viele Menschen kamen zur Hilfe. Es war ein schwerer Sommer, aber bis zum Herbst hatten wir fast alles in Ordnung gebracht. Schon im Sommer hatte Großmama öfter gesagt, daß sie, wenn es möglich wäre, noch einmal sehen wollte, was von ihrem Haus geblieben und geworden sei. Ende Juni war es dann so weit. An einem Sonntag wurde sie zu uns gebracht. Sie beschaute alles und sagte unter Tränen: "So, und dieses ist jetzt alles, was übrig geblieben ist von unserem Streben, Wirken, Sorgen und Schaffen, Tun und Hoffen! " Nach dem Mittagessen ging sie in den Stall, und, weil sie so kurzsichtig war und nicht gleich zurückkam, ging ich nach einer kurzen Zeit hinterher, um nach ihr zu sehen, ob sie nicht vielleicht wo hingefallen war. Da stand sie über die Kuhkrippe gebeugt und wühlte in der Ecke unter den Brettern mit den Fingern. Ich fragte, ob ihr was runtergefallen sei. Darauf richtete sie sich auf und sagte, sie suche hier nach alten Briefen. Als ich sagte, daß der ganze Schutt bis aufs letzte weggefahren und verbrannt ist, sagte sie erleichtert: "Na, dann kann ich ruhig sein, daß keiner mehr wegen der Briefe aus Kanada ins Gefängnis kommt!". Sie meinte immer noch, daß ihr Sohn Abram deswegen von der GPU, wie sie die Miliz nannte, verhaftet wurde. Abram war nach dem Tode ihres Mannes 1917 eine Hilfe und Stütze, als einziger Mann im Hause gewesen. Er hatte auch das Wohnhaus neu angebaut, womit sie sehr zufrieden war. Dieses Haus ist 1935 fotografiert worden. Auf dem Foto sitzt Großmama mit Gästen aus Bogomasowo: Tochter Aganetha mit Mann Peter Kröker, deren Sohn Peter mit Frau; Tochter Sara, Sohn Abram, seine Frau Gertruda steht hinter dem Zaun; vor dem Zaun stehen ihre Kinder Anna und Abram (mein Mann) mit Fahrrädern, dieses Bild hatte Großmama nach Kanada geschickt an ihren Sohn Peter, der hat das der Zeitschrift "Mennonitische Rundschau" gesandt. Es ist weltweit bekannt geworden, wurde in vielen Bücher über Mennoniten in Rußland veröffentlicht. Großmamas langes Leben ist ein lehrreiches Beispiel für uns, ihre Nachkommen. Es war zum Staunen, wie bedacht und pünktlich sie jede Arbeit erledigte und dabei keinen unnötigen Schritt machte. Wenn ich sie so von der Seite zusah, wie sie alles, ohne zu sputen schaffte, dachte ich so, daß dieses doch wohl in all den vielen Jahren zur Gewohnheit geworden war, daß sie alles im Vorbeigehen vollbrachte. In der Zeit, wo ich in diesem Haus wohnte, stand sie jeden Tag ohne Ausnahme um 7 Uhr auf, machte gleich das Bett. Sie ging ins Hinterhaus, was zugleich Küche und Esszimmer war, wo gleich um die Ecke auf einem großen Hocker ein Eimer mit Wasser stand, darin ein Trinkgefäß mit Stiel, daraus nahm sie einen kräftigen Schluck, das übrige Wasser goß sie in einen Trog für die Hühner, den leeren Eimer stellte sie neben den Brunnen, ging zum Ferkeltrog, kippte von Tante Sara noch abends bereitgestelltes Spülwasser hinein. Dann erst ging's weiter zum Plumpsklosett, das an der Grenzhecke stand, auf dem Rückweg drehte sie den geformten Mist um, wenn schon was trocken war, brachte eine Schürze voll mit in den Stall, wo er zum Winter aufbewahrt wurde. Dann ging sie in den Garten, wo sie eine große Schürze voll Unkraut pflückte und trug es zur Kuhkrippe, damit diese abends ruhiger war und leichter anzubinden war. Eine gute Handvoll davon bekam das Ferkel. Jetzt holte sie schönes frisches Wasser aus dem Brunnen, staubte gleich im Stall die Schürze und Schlorren gut aus, und ging rein. Auf dem Herd stand ein Grapen (ein Kochtopf aus Guß), da kam Kaffeewasser rein, sie zündete das Feuer an, und bis das Wasser kochte, hatte sie sich gewaschen und gekämmt, band sich das Tuch wieder um und rief zur Tür hinaus: "Sara, komm, das Frühstück ist auf dem Tisch". Das alles war in einer Stunde geschafft, und so war sie in allem. Wenn die gegessen hatten, ging Tante Sara wieder in den Garten oder zur Arbeit. Großmutter spülte das Geschirr und die Milchschleuder, trocknete es sorgfältig und feuchtete den Erdboden mit Wasser an, damit es nicht so staubte und kehrte dann mit dem Besen so drauf los, als ob alles verdreckt war. Weil sie sehr kurzsichtig war, kam es vor, daß obwohl sie mit Schippe den Müll weggetragen wurde, einiges liegengeblieben war. Wenn Tante Sara dann später hereinkam und dieses unter den Schlorren spürte, sagte sie: "Na, Mami, was haben Sie wieder die Hälfte liegengelassen?" Aber das gab sie nicht zu: "Ich habe alles aufgeräumt, und wenn du da was unter den Schlorren gespürt hast, dann hast du den Dreck selber von draußen mitgeschleppt, ich mache meine Sache sauber und gut. " Sie hatte doch wohl einen sehr gesunden Körper. In ihren 95 Jahren war sie noch nie bei einem Arzt zu einer Untersuchung gewesen. Ich habe nie gehört, daß sie über Schmerzen geklagt hat. Die letzten Zähne hat Abram ihr noch vor seiner Verhaftung gezogen vor 35 Jahren. Wenn sie dann gefragt wurde, wie sie Fleisch essen kann, sagte sie: " Das werfe ich mit der Zunge paar Mal im Mund hin und her und schlucke es auf." Von Magendrücken oder -schmerzen hatte sie keine Ahnung. Wenn wir - Tante Sara, meine Schwiegermutter und ich - uns manchmal über Rücken- oder Bauchschmerzen unterhielten, dann sagte sie zu uns: "Mützen seid ihr, ich bin schon so alt und mir tut gar nichts weh!" In ihrem ganzen Leben hat sie keine Brille gebraucht, obwohl sie sehr viel Bücher gelesen hat und unendlich gestrickt. Das Buch oder die Handarbeit mußte sie ganz dicht vor der Nase halten. Pünktlichkeit pflegte sie bis ins hohe Alter. Wem manchmal Besuch da war, und die Uhr 4 schlug, dann stand sie auf, nahm die Schürze ab, band die Alltagsschürze um und sagte: "Na, Sara, ist es nicht an der Zeit, das Vieh zu besorgen? Die Kuh muß doch zur rechten Zeit ihr Futter kriegen." Wenn Tante Sara dann erwiderte: "Aber, Mama, wir haben doch Besuch. Die Kuh kann ihr Stroh auch nachher auffressen." sagte diese resolut, daß die Gäste auch bestimmt Haushalt zu besorgen haben. Jetzt konnte jeder denken, was und wie er wollte, darüber machte die sich keine Gedanken, denn sie war fest überzeugt, daß sie im rechten war. Ich hatte große Ehrfurcht vor ihr, denn sie mich nie beleidigte, und das, wo wir drei Familien im Haus, Küche, Kammer und Keller zusammen wirtschafteten. Sie war ein pünktliches, gewissenhaftes Beispiel, und wir brauchten auch nur so zu sein, dann ging alles in Einigkeit. Sie sagte immer, so habe sie 65 Jahre an dieser Stelle geschafft, Bäume und Beeren, Blumen und Hecken gepflanzt. Aber alles ist vergänglich. Von ihren Bäumen stand nur noch ein Ahorn und auch der war schon hohl. Im Sturm knarrte er, als ob er mit letzter Kraft dem Winde widerstand. Ein großer Ast nach dem anderen vertrocknete und brach ab. Nach dem Brand wurde ich die Nachfolgerin der Großmutter, denn nach dem Tod meiner Schwiegermutter, gehörte das Haus uns. Ich bin 44 Jahre in Großmutters Fußstapfen gelaufen. Wir haben die trockenen Bäume und die Akazienhecke ausgerottet und Obstbäume, Tannen, Birken, Flieder und Rosen bepflanzt. Unsere Kinder heirateten, unser ganzes Leben und Streben verging in diesem Haus. 1992 verließen wir Haus und Hof und zogen zum ersten Mal um, wir wanderten für immer nach Deutschland aus. Jetzt sind wir schon Urgroßeltern und ein russisches Lied sagt, es werden Enkeln kommen und alles wiederholt sich in ihnen. In den anderthalb Jahren, die Großmama noch bei der Tochter Helene lebte, hat sie oft gesagt: "Wo ist bloß das ganze Leben geblieben?" Sie erwartete keine Antwort, es war die Sehnsucht nach den vergangenen Jahren, nach den vorangegangenen lieben Menschen. "Aus Paupi noch lewd, weh ne veel beetre Tiet". - Als Papa noch lebte, war eine viel bessere Zeit. Sie hatte bis auf ihre letzte Stunde einen klaren Verstand und gutes Gedächtnis. Man konnte sie nach allem, was mal geschehen war, fragen. Als es im Herbst 1955 kalt wurde, blieb sie immer öfter tagelang im Bett, die Kräfte verließen sie nach und nach. Eines Tages durfte sie endlich nach allem Kummer und Leid, ganz lebenssatt heimgehen. Sie ruht jetzt tief geborgen, doch die Seele ist im Licht. Dem Auge ist sie entschwunden, aber unseren Herzen nicht. Ihre Grabstätte ist auf dem alten Friedhof im Podolsk in vierter Reihe in der Mitte. Ein schöner Fliederbusch auch ein Zaun, wo ein Schildchen mit ihrem Namen angebracht ist, zeigen die Stelle, bis alle Gräber aufgetan werden und der Posaunenschall und der Ruf zur Auferstehung ertönen wird. Wer bei der Auferstehung zur rechten Seite gestellt wird - wohl dem. Wir, die noch leben, sind berufen, die Fahne des Glaubens weiterzutragen, um Miterben und Bürger des Himmelreichs zu werden. Der Spruch sagt: "Es ist gesetzt dem Menschen, einmal zu sterben und danach folgt das Gericht." Die Wahrheit dieser Worte bezeugt immer wieder jedes Menschenleben. Möchte doch ein jeder danach streben, seinen Lebenslauf zu vollenden und für gerecht gefunden, alle Nachkommen unserer Vorfahren Eva und Wilhelm Janzen. Nümbrecht, Deutschland E. Harder. 01.11.1995 Einiges noch über das Schicksal von Abram Janzen, dem Stiefvater meines Mannes und Sohn von Wilhelm und Eva Janzen. Er hat das Schicksal von Millionen Verschleppten geteilt, das erst nach 50 Jahren ans Licht kam. Die Heilige Schrift hat auch dazu eine Verheißung, daß alles Gemeine und Verborgene wird offenbar. Als, nach 70-jähriger Herrschaft, die Kommunistische Partei in Rußland abgeschafft wurde, was auch ein Wunder Gottes war, wurden auch endlich die geheimen Akten der einst Verhafteten, Verschleppten und Hingerichteten auf getan. Man durfte die Unterlagen eines Jeden verhafteten Verwandten anfordern. So bekamen auch wir seine Dokumente aus dem Gefängnis. Auf dem Protokoll war oben in der rechten Ecke ein Paßfoto von ihm, schon da gemacht. Wir wissen jetzt, daß es kurz vor der Vollstreckung des Urteils war. Es folgten ausführliche Angaben zu der Person: Name, Geburtsort, Geburtsjahr, Wohnungsort, Angehörige - Frau Gertruda, Kinder - Anna, Abram und Evelina; Datum der Verhaftung - 12. August 1937, Anlaß dazu - Volksfeind. Das Urteil, gesprochen von einer sogenannten "Trojka", lautete auf SCHULDIG und TOD DURCH ERSCHIEßUNG. Am 10. Oktober 1937, einen knappen Monat nach der Verhaftung, wurde dieses Urteil vollstreckt. Gott weiß, der Vater oben weiß, was sein letztes Flehen und Beten war. Als die "Glasnost" in Rußland aufkam, wurde in den Zeitungen auch über diese Hinrichtungen geschrieben. Viele wurden jetzt rehabilitiert, da kein Verbrechen vorlag. So erhielten wir auch so eine Art Bescheinigung, daß Abram Janzen rehabilitiert ist und die Hinterbliebenen konnten zwei Monatslöhne seines damaligen Verdienstes verlangen: 0, welche Schande für das arme Rußland! 1990 las ich mit Schauer und Schrecken einen Bericht in der Zeitschrift. Es war eine Erzählung eines Alten Mannes, der sein Leben lang in seiner Freizeit geangelt hat. Er wohnte in der Stadt Orenburg, nicht weit vom Gefängnis. In so mancher Nacht der Schreckenszeit hat er von der Seite, wo das Gefängnis lag, Schusse gehört. Er wußte, was diese bedeuteten und, nach russischer Glaubensart, hat sich jedes Mal gekreuzigt mit den Worten: "Zarstwije jemu nebessnoje!" - Möge er ins Himmelsreich kommen. 1944 etwa war das Hochwasser im Frühling so hoch, daß ein großer Teil des Uralufers unterspült wurde und von dem Wasser mitgerissen. Dadurch sind die Massengräber aufgetan und so manche Leiche schwamm flußabwärts. Als das Wasser zurück in die Ufer gekehrt war, sah man an der Stelle einen steilen Abhang, so später immer wieder Knochen gefunden worden. Viele Schädel zeigten durchschossene Locher. Es wurden Raupenschlepper hingeschickt, damit sie alles der Erde gleich machten, aber sie gruben immer mehr Knochen hervor. Dann mußten die damaligen Insassen des Gefängnisses Sand und Erde hierher fahren, um alles zu verdecken. Auf dieser Stelle ist jetzt eine Grünanlage mit dem Namen "Park für Kultur und Erholung". Die Bürger haben hier jahrelang ihre Freizeit verbracht ohne zu wissen, was das für ein Platz ist. Die Wahrheit der vergangenen Jahre und die Steine schreien nur: "Menschen, die ihr lebet, stehet still und neiget eure Häupter zum Andenken der Gefallenen!" |